Wildwasser München e.V. - Fachstelle für Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Archiv: Bewerbung für den Anita-Augspurg-Preis 2003 der LH München

Wildwasser München e.V. ist eine Initiative, welche Frauen jeden Alters und Mädchen, die sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren oder sind, unabhängig von deren sexueller Orientierung, Nationalität, Hautfarbe, so genannter Behinderung, gesellschaftlichem Status oder Religionszugehörigkeit, parteilich unterstützt.

I. Entstehung

In München leben ca. 650.000 Frauen und Mädchen (Stand. 31. Oktober 2002, Angabe des Statistischen Amtes der Stadt München). Obwohl es je nach Definition, nach Umfang und Auswahl, nach Repräsentanz und Untersuchungsart unterschiedliche Zahlen über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der Gesellschaft gibt, muss auch bei großer Vorsicht angenommen werden, dass mindestens 25 % bis 30 % der Frauen in ihrer Kindheit und Jugend Opfer dieses Verbrechens werden. Das bedeutet, dass allein im Stadtbereich München zwischen 162.000 und 195.000 betroffene Frauen leben.
Bis 1999 hat es in München keine Wildwasser-Anlaufstelle für diese Frauen und Mädchen, die mit den Folgen dieser Gewaltform zu kämpfen haben, gegeben. Anders als die Opferhilfeeinrichtungen der Polizei, die besonderen Verpflichtungen unterliegen (z.B. Ermittlungszwang), deckt Wildwasser München e.V. einen Bereich an Hilfsangeboten für die Frauen ab, die auch von meist sehr allgemeinen Angeboten anderer Organisationen nicht geleistet werden kann.
Um diese Versorgungslücke zu schließen, gründeten im Mai 1999 13 Frauen den Verein Wildwasser in München. Seit der Gründung arbeitet Wildwasser München Initiative gegen sexuellen Missbrauch e. V. fachspezifisch und lösungsorientiert mit den und für die Betroffenen. Im Allgemeinen verknüpfen wir Beratung und Begleitung mit der Ermutigung und Anleitung zur Selbsthilfe zumeist in Gruppen.
Das Selbstverständnis von Wildwasser als spezialisierte Stelle für Frauen und Mädchen macht eine Vernetzung und eine organisierte Öffentlichkeitsarbeit gegen sexuellen Missbrauch unumgänglich.

II. Zusammensetzung und Organisation

Dem Verein können nur Personen weiblichen Geschlechts ab dem 16. Lebensjahr beitreten. Wildwasser München e.V. setzt sich derzeit aus 22 Förder-Mitfrauen und aktiven Mitfrauen zusammen. Diese haben ganz unterschiedliche biographische Hintergründe. Überwiegend engagieren sich Frauen aus dem sozialen Bereich (Psychologie, Soziale Arbeit, Pädagogik, u. ä.). Andere haben einen juristischen Berufshintergrund. Es gibt vier Vorstandsfrauen, davon sind drei geschäftsführend. Die gesamte Arbeit der aktiven Mitfrauen ist ausschließlich ehrenamtlich und findet in deren Freizeit statt.
Je nach persönlicher Entscheidung und möglichem Engagement leiten Mitfrauen die Selbsthilfegruppen an bzw. betreuen diese, übernehmen Beratungstermine oder begleiten Frauen auf Wunsch zu deren Gerichtsprozessen und Behörden.
Wir haben wöchentlich einen zweistündigen Bürodienst, in dem die jeweils dafür zuständige Mitfrau Büroarbeiten erledigt, zum Teil Telefonberatung und Vorarbeiten für den allgemeinen Arbeitskreis oder den Öffentlichkeitsarbeitskreis übernimmt.
Der allgemeine Arbeitskreis trifft sich jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat. Diese Treffen sind grundsätzlich öffentlich. Hierbei findet planerische und organisatorische Absprache statt. Es kommt zum Austausch von Informationen und es erfolgt eine Verteilung der zu bearbeitenden Aufgaben. Wir versuchen, etwa die Hälfte der Zeit für Inhaltliches zu verwenden, was aber aufgrund der Fülle der anstehenden Arbeit oft schwer ist.
Der Öffentlichkeitsarbeitskreis wurde erst vor ca. eineinhalb Jahren gegründet, um den allgemeinen Arbeitskreis um den zeitaufwendigen Punkt „Öffentlichkeitsarbeit“ zu reduzieren. In diesen Jahren nahm der Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit an den beiden Selbsthilfetagen des Selbsthilfezentrums München sowie an der Kundgebung zum 8. März teil, zeigte in einer Kooperationsveranstaltung mit „daneben“ den Film „bitterklee“, der mit einem Vortrag eingeleitet und mit einer Diskussionsrunde beendet wurde, veranstaltete einen Brunch und organisierte eine Ausstellung (Näheres zu den Projekten siehe unter VI. Projekte).
Unser Verein finanziert sich bisher über Mitfrauenbeiträge sowie Spenden. Wir haben keinen Sponsor und erhalten keine regelmäßige (staatliche oder private) Unterstützung.
Unser Verein versteht sich als jeder Frau zugänglich.

III. Arbeit und Ziele

Mädchen und Frauen werden in dieser Gesellschaft konditioniert, die Gesellschaft und die Medien propagieren, transportieren und multiplizieren Rollenbilder. Kindern wird ein bestimmtes Verhalten an- bzw. abtrainiert. Die Zuweisung gewisser Charakteristika und Aktionsmöglichkeiten als weiblich und anderer als männlich schafft den Hintergrund für Geschlechterungleichgewicht und männliche Dominanzvorstellungen. Derartige Macht-, Herrschafts- und Überlegenheitsphantasien – nicht Sexualität – sind der Nährboden sexueller Gewalt.
Wir machen mit unserer Arbeit transparent, dass die Ursachen sexueller Gewalt in den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft liegen. Sexuelle Gewalt etabliert die Dominanz der Männer gegenüber Frauen und Kindern und wird als Manifestation des Machtungleichgewichts gezielt eingesetzt. Die wenigsten Taten sind spontan und/oder „zufällig“, sie befriedigen zugrunde liegende männliche (All-)Machtansprüche.
Wir zeigen auf, dass sexueller Missbrauch ein Problem ist, das in allen Schichten der Gesellschaft zu finden ist: Männergewalt ist entgegen bequemer Vorurteile unabhängig von Klasse, Einkommen, Wohnort, Prestige und ethnischer Zugehörigkeit.
Des Weiteren verdeutlichen wir, dass sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen vielfältig ist. Sie umfasst anzügliche Blicke, anscheinend unbeabsichtigte Berührungen, Zeigen pornographischer Bilder, das Verfolgen von Frauen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, das Anfassen an intimen Stellen, die Nötigung zu sexuellen und/oder stimulierenden Handlungen und alle Formen der Vergewaltigung, geschlechtsspezifische Verfolgung, Misshandlung, Benachteiligung, Folter, Körperverletzung und Mord.
Wir leisten Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Strategien der TäterInnen (Schweigegebot, Schuldzuweisung, Ausnutzen von Vertrauen und/oder Abhängigkeitsverhältnissen, (un)ausgesprochene Drohungen, Brechen des Widerstands, (gezieltes) Übertreten der Grenzen, Ignoranz gegenüber dem Nein, Isolierung und Zerstörung der Persönlichkeit der Frauen und Mädchen usw.).
Wir kämpfen gegen die Mythen zur Rechtfertigung sexueller Gewalt. Es gibt keine Rechtfertigung für diese Verbrechen: Die Verantwortung und die Schuld liegen allein bei dem Täter oder der Täterin.
Täter sind überwiegend Männer, aber wir erkennen die Tatsache an, dass auch Frauen sexuelle Gewalt ausüben und somit Täterinnen werden. Von diesen Frauen distanzieren wir uns vorbehaltlos.
Wir sind der Auffassung, dass die Tabuisierung der sexuellen Gewalt verschoben ist, denn nicht die sexuelle Gewalt ist tabu, sondern das Sprechen darüber. Wildwasser München e.V. setzt sich unermüdlich dafür ein, dass eine Umschichtung des Tabus stattfindet.
Wir sind an einer Vernetzung mit anderen Opfer(schutz)organisationen interessiert bzw. sind mit einigen bereits vernetzt.

IV. Angebote

Die Angebote von Wildwasser München e.V. richten sich an Frauen und Mädchen, die von männlichen und/oder weiblichen Verwandten, Bekannten oder Fremden sexuell missbraucht wurden oder werden.
Unsere Angebote richten sich an weibliche Opfer. Eine geschlechterübergreifende Arbeit mit Betroffenen erachten wir als problematisch. Weil auch Jungen von sexueller Gewalt betroffen sind, unterstützen wir Organisationen mit der Zielsetzung, diesen zu helfen. Daher leisten wir bei Vorträgen und Kooperationsveranstaltungen geschlechterübergreifende Arbeit.
Damit sich Frauen und Mädchen innerhalb der Wildwasser-Angebote sicher fühlen, ist es selbstverständlich, dass alle Angebote anonym wahrgenommen werden können und Schweigepflicht besteht.
Von grundsätzlicher Bedeutung ist der Selbsthilfegedanke, d.h. der Verein rückt die Selbsthilfekompetenz und die Kreativität der Frauen und Mädchen in den Vordergrund.

Als ein weiteres Angebot unseres Vereins sehen wir die Möglichkeit für betroffene wie auch nicht betroffene Frauen an, je nach Lust und Zeit jederzeit - nach einer Phase des gegenseitigen Kennenlernens - bei unserem Verein mitzuarbeiten.

Angebote von Wildwasser München e.V. im Einzelnen sind:

1. Selbsthilfegruppen (SHG)

Die SHG setzen sich aus mindestens acht Frauen zusammen. Bevor die SHG beginnen, finden Vorgespräche mit Wildwasser-Mitfrauen statt. In den Vorgesprächen wird unter anderem über die Erwartungen der Frau an eine SHG gesprochen und es werden allgemeine Informationen über SHG weitergegeben. Darüber hinaus wird in dem Gespräch geklärt, ob das Konzept einer SHG für die Frau in ihrer derzeitigen Lebenssituation das Passende ist. Generell haben die Frauen die Möglichkeit Einzelgespräche wahrzunehmen.
Nach Zusammensetzung einer Gruppe wird diese drei- bis fünfmal von zwei Mitfrauen angeleitet. Die Anfangsanleitung dient unter anderem auch dazu, grundsätzliche Verhaltensregeln einzubringen. Diese sind z.B. Pünktlichkeit, Vertraulichkeit, Verbindlichkeit und Gewaltfreiheit. Weitere Regeln sowie Uhrzeit und Tag des Treffens bestimmen die Frauen der SHG selbst. In der Regel dauert eine SHG zwölf Wochen, danach kann sich die Gruppe entscheiden, ob sie sich weiterhin trifft oder sich öffnet, um weitere Frauen aufzunehmen. Bei Bedarf kann sich die Gruppe eine Mitfrau zur Unterstützung holen, dies gilt auch bei Neuaufnahmen. Die Kosten betragen für jede pro Abend maximal € 2,00, die Restkosten übernimmt Wildwasser München e.V.

2. Beratung

Wildwasser München e.V. bietet außerdem Beratung von Frauen und Mädchen an, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren oder sind. Diese Beratungen werden von engagierten Mitfrauen übernommen. Sie finden größtenteils in dem angemieteten Büroraum unseres Vereins statt.
Die Gespräche sollen der persönlichen Lebenssituation und den Bedürfnissen der Frauen entgegen kommen. Auf Wunsch nennen wir eine Auswahl an Rechtsanwältinnen, Ärztinnen und/oder Therapeutinnen, welche unseres Wissens mit der Thematik vertraut sind und diese meistern können. Wir begleiten die Frauen auch zu Terminen oder zum Gerichtsprozess, wenn dies erwünscht ist. In den letzten zwölf Monaten waren Mitfrauen von Wildwasser München e.V. bei drei meist mehrtägigen Prozessen als Unterstützerinnen anwesend.
Anders als Strafverfolgungsbehörden erkennt Wildwasser München e.V. die Unsicherheit und die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung nicht automatisch als Anzeichen für die Unglaubwürdigkeit der Frauen, sondern sieht darin zunächst einmal eine Folge der Traumatisierung. Opfer sexueller Gewalt haben es vielfach verlernt, ihren eigenen Gefühlen und ihrer Wahrnehmung zu vertrauen.
Ebenso können sich Frauen, denen es nicht möglich ist, ihrem Gefühl, sexuell missbraucht worden zu sein, konkrete Daten, Bilder oder Erinnerungen zuzuordnen, an uns wenden. Wir kämpfen gegen die gefährliche Verbindung der angelernten Verunsicherung der Frauen und der gesellschaftlich gewollten Unglaubwürdigkeit. Auch beurteilen wir die häufigen Folgen der sexuellen Traumatisierung (Drogenkonsum, Kriminalität, psychische Erkrankungen…) nicht per se als Anlass, den Frauen nicht zu glauben. Allerdings muss auch Wildwasser München e.V. in eigenem Interesse und im Interesse der Frauen, die sich Hilfe suchend an uns wenden, die eigenen Grenzen anerkennen und Frauen eventuell weitervermitteln.
Unser Beratungsangebot beinhaltet auch Gespräche und Informationen für Ärztinnen, Sozialpädagoginnen, Therapeutinnen und Bezugspersonen von Mädchen und Frauen.

3. Diverses

Wildwasser München e.V. bietet neben Vorgenanntem zusätzlich Informationsangebote. Diese umfassen Vorträge zum Thema, insbesondere bei der diesjährigen Filmvorführung des Films „bitterklee“, Brunchveranstaltungen sowie die Teilnahme an den jährlich im Juli stattfindenden Selbsthilfetagen und Beteiligung an Kundgebungen (z.B. Weltfrauentag), nähere Informationen hierzu siehe unter VI. Projekte.

V. Perspektiven

Aufgrund struktureller Behindertenfeindlichkeit sind behinderte Frauen und Mädchen besonders gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Eines unserer Ziele ist die Intensivierung unserer Arbeit auf diesem Gebiet.
Ferner wollen wir unsere Arbeit verstärkt für Mädchen und junge Frauen öffnen. Diese sind durch zweierlei Umstände (durch ihr Alter und ihre Geschlechtszugehörigkeit) besonders von sexueller Gewalt bedroht.
Beide Zielgruppen erfordern eine neue, andere Arbeitsweise und stellen eine Herausforderung an uns dar, welche zu meistern uns ein Bedürfnis ist.