Wildwasser München e.V. - Fachstelle für Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Selbsthilfegruppen

Wir betrachten Betroffene von sexualisierter Gewalt als Expertinnen ihrer Situation. Sie haben im Laufe ihrer Lebens vielfältige Strategien entwickelt zur Bewältigung verschiedenster Probleme und Schwierigkeiten im Alltag. Auf dieser Grundlage sollte die Selbsthilfegruppe ein Ort des Austauschs und gegenseitiger Unterstützung sein.
Auch Jahrzehnte nach sexualisierten Gewalterfahrungen treten Belastungen und Beeinträchtigungen, die sich bei der Bewältigung des Lebensalltags bemerkbar machen in unterschiedlichen Situationen auf. Ziel der Selbsthilfegruppe ist der Erfahrungsaustausch hierüber und über die verschiedenen Bewältigungsstrategien der Teilnehmerinnen, um mehr Stabilität und Sicherheit im Alltag zu erlangen. In einer Selbsthilfegruppe begleiten sich betroffene Frauen gegenseitig, d.h. jede Frau kann sich sowohl in der Rolle der Unterstützung-Gebenden als auch in der Rolle derjenigen, die Unterstützung annimmt, erleben.

Darüber hinaus wird die Isolierung der betroffenen Frauen aufgehoben und statt dessen die praktische Erfahrung ermöglicht, dass es viele Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kindheit oder Jugend gibt und dass sie häufig ähnliche Probleme im heutigen Leben haben.
Es ist nicht Inhalt der Selbsthilfegruppe, die erlebte Gewalt in der Gruppe aufzuarbeiten bzw. sich gegenseitig zu erzählen. Die Aufarbeitung sollte in einer Einzelberatung oder Therapie stattfinden oder schon stattgefunden haben.
Die Gruppe wird an drei bis fünf Abenden von einer Mitarbeiterin von Wildwasser München e.V. angeleitet. Themen der angeleiteten Abende:

  1. Kennenlernen, Vertrauen schaffen
  2. Erwartungen/Befürchtungen
  3. Grenzen setzen, Regeln für den Umgang miteinander
  4. Themen für die Gruppenabende
  5. Strukturieren der Gruppenabende

Nach den angeleiteten Abenden trifft sich die Gruppe dann weiterhin eigenständig einmal wöchentlich abends. Sie ist von Beginn an geschlossen. Die Gruppe entscheidet selbst, wie lange sie sich trifft und ob und wann sie sich für weitere Frauen öffnet. 
Bei Bedarf kann jederzeit eine Mitarbeiterin von Wildwasser München e.V. in die Gruppe gerufen werden, um z.B. bei Konflikten zu vermitteln. Je nach Wunsch der Gruppe können auch regelmäßige Besuche einer Mitarbeiterin vereinbart werden.
Die Teilnehmerinnenzahl ist auf maximal acht Frauen pro Gruppe begrenzt. Vor Beginn der Gruppe führen wir mit jeder Interessentin ein Vorgespräch, um die aktuelle Situation der Frau kennen zu lernen und gemeinsam zu beraten, ob das angebotene Gruppenkonzept derzeit eine angemessene Möglichkeit für sie darstellen könnte/kann oder nicht.

Interessentinnen melden sich bitte zur Vereinbarung eines Vorgesprächs per Mail (beratung@wildwasser-muenchen.de) oder telefonisch (089-600 39 331)

 

Erfahrungsbericht

Zu zweit ist man weniger allein - Meine Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe

In einer Selbsthilfegruppe treffen Individuen aufeinander, jeder mit seiner Persönlichkeit, seiner Geschichte, seinen Wünschen, Ängsten und Hoffnungen.

In meinem Fall waren wir sechs Frauen, alle mit Erfahrungen der sexuellen Gewalt. Egal wie häufig und egal wie heftig, sie verändert das Leben grundsätzlich und jede Einzelne sucht ihren Weg, damit umzugehen. An einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen kann eine große Hilfe sein, insbesondere wenn Frau sich darauf einlässt.

Die ersten Stunden wurden genutzt, um sich gegenseitig kennenzulernen, eigene Ziele zu verfassen und Regeln des Miteinanders während und auch außerhalb der Gruppensitzungen festzulegen. Diese Stunden wurden von einer Therapeutin geleitet, später waren wir dann auf uns selbst gestellt. Das hat mir am Anfang Angst gemacht, im Nachhinein war es meiner Meinung nach gut so, denn bei einer Therapeutin habe ich doch manchmal den Gedanken "Ja, das hat sie gut aus ihrem Buch gelernt, aber sie fühlt nicht das, was ich fühle, hat nicht diese innere Zerrissenheit und das Gedanken-Wirrwarr." Kurz: "Sie versteht mich nicht richtig." Anders war es für mich in der Selbsthilfegruppe. Dort waren alle Betroffene "Profis" auf ihrem Gebiet, die wussten, wovon sie sprechen und die wussten und auch verstanden und fühlten, wovon ich spreche. Die Gespräche fanden "auf Augenhöhe" statt, was dem ganzen viel Druck nahm. Zur Einzelsitzung gehe ich oft mit einem mulmigen Gefühl, schließlich dreht sich wieder alles um mich und meine Probleme. In die Selbsthilfegruppe zu gehen war für mich indes viel leichter. Wollte ich dort an diesem Tag nicht so aktiv sein, wurde dies akzeptiert und ich konnte einfach "nur" zuhören. Nur heißt für mich, dass ich gerade in solchen Stunden Erkenntnisse bekam wie z.B. dass bei Anderen die Probleme viel verzwickter und verschachtelter sind als bei mir und/oder sich nicht so klar zeigen.

Am Anfang einer Sitzung machten wir eine "Ist"-Runde, in der jeder erzählte, was sie in der vergangenen Woche beschäftigt hat und was sie als Thema vorschlägt. Diese Runde war für mich in zweierlei Hinsicht wichtig, einmal um anzukommen und zum Zweiten als Möglichkeit, auch von den Stilleren etwas mitzubekommen. Wurde in dieser Runde kein Thema gefunden, schauten wir auf unsere Themensammlung, die wir angelegt hatten. Das Thema, mit dem die meisten aktuell etwas anfangen konnten, wurde dann zum Gruppenthema und gemeinsam besprochen. Die Sammlung war in "Belastbarkeitskreisen" eingeteilt, außen die weniger belastbaren Themen wie z.B. "Körpergefühl" oder "Vertrauen" und innen die als sehr belastbar wahrgenommenen, wie z.B. "Dissoziation" oder "Täterkontakt". So groß wie die Bandbreite der Themen war auch die Dynamik der Gruppensitzungen. Mal eher locker und sogar lustig, dass wieder aufwühlend und anstrengend. Auch Konflikte untereinander gab es natürlich, allerdings konnte ich dadurch z.B. die Erfahrung machen, dass ein Konflikt nicht gleichzustellen ist mit genereller Ablehnung oder Kontaktabbruch, wofür ich sehr dankbar bin.

Unsere Gruppe lief über 3 Jahre und löste sich dann auf, da sich gleich bei zwei Teilnehmerinnen neues Leben ankündigte. Für mich ein positives, gutes Ende, mit der Einsicht und Hoffnung:
"Der Kampf ist hart, aber er lohnt sich!"

Von Christina